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Kommunikation

Neuer Job, alte Frage: Wie spricht man Kollegen und Vorgesetzte an? Duzen oder Siezen? Wer nicht für schwedische Unternehmen oder Berliner Start-ups arbeitet, braucht eine Antwort auf die Frage.

Keine reine Formsache

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Auf den ersten Blick scheint das Thema „Du oder Sie“ überholt: In der globalisierten Arbeitswelt werden die Grenzen zwischen diesen Personalpronomen immer häufiger übertreten oder vollständig niedergerissen, wie bei der Otto Group. Dort bot im vergangenen Jahr der damalige Vorstandschef Hans-Otto Schrader seinen mehr als 50.000 Mitarbeitern das Du an und feuerte damit den „verbalen Startschuss für einen Kulturwandel“ ab. Die Kultur des Duzens zieht in deutsche Unternehmen ein. Du, sag’ einfach Du?

 

„Bei der Frage ,Du oder Sie?‘ ist es sehr wichtig, reflektiert zu sein und die Regeln zu kennen“, sagt die Leiterin des Deutschen Knigge-Rates, Agnes Anna Jarosch. Sie empfiehlt beim Einstieg in eine neue Firma oder Position immer die sichere Nummer: das höfliche Sie. In den drei Buchstaben stecken Respekt, Anerkennung und Wertschätzung für die Position und Leistung des Gegenübers. Natürlich lassen sich selbige auch informeller mit zwei Buchstaben ausdrücken, aber Sprachen wie die deutsche, die zwischen Du und Sie einen Unterschied machen, haben denselben in ihrer Kulturgeschichte verankert. Das wirkt sich auf die allgemeine Wahrnehmung aus.

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Zu wissen, wer wem die vertrauliche Anrede anbieten darf, gehört zu den Basics guter Umgangsformen. Deren Bedeutung nimmt nach Einschätzung der Knigge-Expertin zu, gerade weil sich viel bewegt und verschiebt. So dürfen sich heute Männer und Frauen einer Altersgruppe gleichberechtigt das Du anbieten. „In der Kenntnis von Feinheiten drückt sich persönlicher Stil und Individualität aus. Beides spielt eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, sich in einem Unternehmen zu positionieren.“ Stichwort: Personal Branding. Wie will ich wahrgenommen werden? Der gekonnte Umgang mit den Personalpronomen zahlt auf das eigene Image ein. Aber die kurzen Wörter können noch mehr: Sie justieren Arbeitsbeziehungen.

Das distanzierte „Sie“

verschafft den Beziehungen zu Vorgesetzten und Kollegen Raum, sich zu entwickeln, während ein vorschnelles Du Nähe vorspielt und zu unangebrachten Vertraulichkeiten verleiten kann. Bei temperamentvoll bis cholerisch veranlagten Menschen führt unbedachtes Duzen unter Umständen zu verbalen Ausrutschern. Im schlimmsten Fall gefährdet die vertrauliche Anrede die Gesundheit, wenn sie als Brandbeschleuniger für den Burn-out wirkt. Ein freundschaftlicher Umgangston erschwert es, klare Grenzen zwischen Beruf und Privatleben zu ziehen und bei Bedarf Nein zu sagen. Siezen hat Vorteile, nicht zuletzt einen praktischen: Man lernt dabei die Nachnamen
seiner Kollegen.

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Auf der anderen Seite der Medaille punktet das Du. Hierarchien werden in Unternehmen wie Apple oder Ikea als flacher wahrgenommen, und die Mitarbeiter fühlen sich dadurch gleichberechtigter. Teams, in denen das Duzen ganz selbstverständlich verankert ist, wirken auf neue Kollegen offener und zugänglicher und ersparen Neuankömmlingen die Frage „Du oder Sie?“. Davon profitieren der Teamgeist und das Gemeinschaftsgefühl.

Kleine Wörter, große Wirkung:

Sie sollte nicht dem Zufall überlassen werden. „Das Thema Duzen oder Siezen ist eine Führungsaufgabe“, sagt Agnes Anna Jarosch. Wenn die Spitze die Weichen für die interne und externe Kommunikation stellt, profitieren alle davon. Wichtig sei die stimmige Lösung für das jeweilige Unternehmen. Das gilt insbesondere für deutsche Firmen, die viel mit englischsprachigen Kollegen oder Kunden kommunizieren und dadurch automatisch beim „You“ und den Vornamen landen. Wird dann beim Wechsel zurück in die deutsche Sprache wieder die förmliche Anrede gewählt, verliert das Zwischenmenschliche an Geschmeidigkeit. Die Lösung liegt in einer Spezialität der deutschen Sprache: dem Hamburger Sie. Es kombiniert Vornamen mit dem Sie und schafft damit einen eleganten Kompromiss, besonders auf internationalem Parkett. Aktuell beobachtet Jarosch zunehmend seine Verbreitung. Das Hamburger Sie drängt sich auf die Überholspur. ERIKA THIMEL

Du oder Sie – so ist es richtig

Die Rangordnung entscheidet

Das Du wird von oben nach unten gereicht, also vom Chef zum Abteilungsleiter und vom Mitarbeiter zum Praktikanten. Die andere Richtung zu nehmen, zeugt von schlechtem Stil und kann in konservativen Unternehmen den Aufstieg gefährden.

 

Auf gleicher Ebene zählen die Dienstjahre

Begegnen sich Kollegen auf der gleichen Stufe der Karriereleiter, ist es am Dienstälteren, das Du anzubieten, wenn er es für angebracht hält.

 

Männer und Frauen sind gleichberechtigt

Viele Menschen haben verinnerlicht: Die Frau bietet dem Mann das Du an. Im Zuge der Gleichberechtigung dürfen sich auf gleicher Altersstufe Frauen und Männer gegenseitig das Du anbieten.

 

Das Timing muss passen

Ein schneller Übergang zum Du kann anbiedernd wirken und die ursprüngliche Absicht, Nähe und Vertrauen aufzubauen, ins Gegenteil verkehren. Es empfiehlt sich daher, die Sache langsam anzugehen.

 

Absagen abwägen

Was tun, wenn das Angebot, zum Du überzugehen, nicht willkommen ist? Eine höfliche und respektvolle Ablehnung, bevorzugt mit Begründung, ist erlaubt, kann allerdings als Zurückweisung und Kränkung verstanden werden. Hier ist Feingefühl gefragt.

 

Anpassung an die Firmenkultur

Wer sich für ein Unternehmen entscheidet, entscheidet sich auch für dessen Kultur. Wenn sich alle Mitarbeiter im Team duzen, können hartnäckige Siezer leicht ins Abseits geraten und vice versa.

 

Es gibt kein Zurück

Einmal Du, immer Du. Ganz einfach.

 

Partyfolgen taktvoll ignorieren

Bietet der Chef auf einer feuchtfröhlichen Betriebsfeier das Du an, würde Herr Knigge empfehlen, am folgenden Tag taktvoll wieder zum Sie überzugehen, damit Raum für eine Entscheidung im nüchternen Zustand bleibt.

 

Kunden sollen gesiezt werden

Wer nicht bei Apple oder Ikea als Verkäufer arbeitet, sollte Kunden mit „Sie“ ansprechen. Das alte Sprichwort vom Kunden, der König ist, gilt noch heute, und welcher König lässt sich gerne ungefragt duzen.

 

Andere Orte, andere Sitten

„Ois easy“, heißt es in bayrischen Biergärten, wo das unkomplizierte Du am langen Tisch aus Fremden Freunde auf Zeit macht. Gleiches gilt nach einer alten Bergsteigerregel ab 1.000 Meter Höhe und unter Sportlern sowieso. Bei sportlichen Firmenveranstaltungen oder Betriebsausflügen in den Biergarten zählen allerdings die Regeln aus dem Büro (siehe oben).

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